
作曲 : Marcus Wiebusch/Reimer Bustorff/Erik Langer/Lars Wiebusch/Christian Hake
Es war im Sommer '89. Der 12. August
In Hamburg ging es los
In seinem alten, himmelblauen Ford Granada
Kasseler Berge, Würzburg, Nürnberg, Linz, Wien
Liess er alles links liegen
Das Ziel war das Burgenland, die oesterreichisch-ungarische Grenze
In Mattersburg besorgte er sich "den besten Bolzenschneider, den man für Geld kaufen konnte."
Fast 400 Schilling
In Moerbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein
Kaufte sich einen Doener und wartete auf die Nacht
Um kurz nach eins klopfte es an seiner Tür
Der Verbindungsmann gab ihm einen Brief
Und verschwand wieder ohne ein Wort zu sagen
Er lernte den Brief auswendig und machte sich zu Fuss auf den Weg
Runter die Oedenburger Strasse, vorbei an den letzten Laternen
Und kurz vor der Kehre in den Feldweg rechts rein bis ganz zum Ende
Die letzten hundert Meter weiter durch das hohe Gras
Hinein in das kleine Waeldchen
Die Grenzpatrouille um 3:30 abgewartet
Taschenlampe raus: drei mal kurz, zwei mal lang
Und dann auf der Lichtung sah er sie
Sie kamen
Gerannt
[Refrain]
Es war im Sommer '89, eine Flucht im Morgengrauen
Er war der Typ, der durch die Nacht schlich
Und schnitt Loecher in den Zaun
An einer ungarischen Grenze
Im ersten Morgengrauen
Nur ein Bolzenschneider noetig
Für Loecher im Zaun
Im Sommer '89
Als sie durch den Zaun durch waren
Liefen sie so schnell es die Kinder zuliessen
Bis zu den ersten Laternen
14 Menschen, drei Familien
Keine Champagnerkorken, kein Konfettijubel
Nur grosse Erleichterung und noch groessere Erschoepfung
Sie gingen gemeinsam zum Busbahnhof, setzten sich auf die Baenke
Und warteten auf den 6:22er Bus nach Wien
Vor lauter Müdigkeit wurde kaum gesprochen
Nur einmal fragte ihn eins der Kinder
Was denn der Spruch auf seinem Dead-Kennedys-T-Shirt zu bedeuten haette
Als der Bus dann pünktlich vorfuhr, gab er einem Vater seinen Wien-Stadtplan
Mit der eingekreisten Adresse der deutschen Botschaft
Er verteilte seinen letzten Schillinge noch auf die drei Familien
Und wünschte ihnen allen ein gutes Leben
Sie bedankten sich traenenreich und vielmals für alles
In einer Sprache und einem Dialekt, den er kaum verstand
Er vermutete damals, dass das Saechsisch war
[Refrain]
Es war im Sommer '89, eine Flucht im Morgengrauen
Er war der Typ, der durch die Nacht schlich
Und schnitt Loecher in den Zaun
An einer ungarischen Grenze
Im ersten Morgengrauen
Nur ein Bolzenschneider noetig
Für Loecher im Zaun
Im Sommer '89
Zurück in Hamburg dann die grosse Einerseits-Andererseits-Diskussion
Am WG-Küchentisch mit seinen Freunden
Einerseits waere die Aktion natürlich gut gemeint gewesen
Wegen den Familien und so
Aber andererseits waere eine deutsche Einheit und darauf laufe die Entwicklung der letzten Wochen nunmal hinaus, ein grosser Fehler
Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden
Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger
Würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhaeltnisse beitragen
Also wie gesagt: "Die Aktion war menschlich verstaendlich
Aber trotzdem falsch."
Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte
Und sagte so leise, wie es ihm grad noch moeglich war:
"Ihr wisst, dass das Schwachsinn ist
Sie lassen alles zurück und sie fliehen und vielleicht..."
Er machte eine kurze Pause und überlegte
Ob er den letzten Satz wirklich sagen sollte
Aber kein Wort mehr
Eine komplette Stille trat ein
Die anderen tauschten nur Blicke aus, einige laechelten milde
Jemand legte sogar sacht eine Hand auf seine Schulter
Die Sekunden vergingen
Er stand auf, verliess das Zimmer
Jacke, Tür, Treppenhaus, Luft
Er nahm seinen alten Ford Granada
Und ward nie mehr gesehen
Der Rest ist Geschichte
[Refrain]
Es war im Sommer '89, eine Flucht im Morgengrauen
Es war im Sommer '89, und er schnitt Loecher in den Zaun
Sie kamen für Kiwis und Bananen
Für Grundgesetz und freie Wahlen
Für Immobilien ohne Wert
Sie kamen für Udo Lindenberg
Für den VW mit sieben Sitzen
Für die schlechten Ossi-Witze
Kamen für Reisen um die Welt
Für Hartz IV und Begrüssungsgeld
Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche
Für die neue Einbauküche
Und genau für diesen Traum
Schnitt er Loecher in den Zaun