
Vieles lehrtest du,Mime,
und manches lernt’ ich von dir;
doch was du am liebsten mich lehrtest,
zu lernen gelang mir nie:
wie ich dich leiden könnt’.
Trägst du mir Trank
und Speise herbei,
der Ekel speist mich allein;
schaffst du ein leichtes
Lager zum Schlaf,
der Schlummer wird mir da schwer;
willst du mich weisen,
witzig zu sein,
gern bleib’ ich taub und dumm.
Seh’ ich dir erst
mit denAugen zu,
zu übel erkenn’ ich,
was alles du tust:
seh’ ich dich stehn,
gangeln und gehn,
knicken und nicken,
mit den Augen zwicken:
beim Genick möchte’ ich
den Nicker packen,
den Garaus geben
dem garst’gen Zwicker! –
So lernt’ ich, Mime, dich leiden.
Bist du nun weise,
so hilf mir wissen,
worüber umsonst ich sann:
in denWald lauf’ ich,
dich zu verlassen, –
wie kommt das, kehr ich zurück?
Alle Tiere sind
mir teurer als du:
Baum und Vogel,
die Fische im Bach,
lieber mag ich sie
leiden als dich: –
wie kommt das nun, kehr’ ich zurück?
Bist du klug, so tu mir’s kund.
Mein Kind, das lehrt dich kennen,
wie lieb ich am Herzen dir lieg’
Ich kann dich ja nicht leiden, –
vergiß das nicht so leicht!
Des ist deine Wildheit schuld,
die du, Böser, bänd’gen sollst. –
Jammernd verlangen Junge
nach ihrerAlten Nest;
Liebe ist das Verlangen;
so lechzest du auch nach mir,
so liebst du auch deinen Mime, –
so mußt du ihn lieben!
Was demVögelein ist der Vogel,
wenn er im Nest es nährt,
eh’ das flügge mag fliegen:
das ist dir kind’schem Sproß
der kundig sorgende Mime, –
das muß er dir sein!
Ei,Mime, bist du so witzig,
so laß mich eines noch wissen!
Es sangen die Vöglein
so selig im Lenz,
das eine lockte das and’re:
du sagtest selbst –
da ich’s wissen wollt’–
das wären Männchen undWeibchen.
Sie kosten so lieblich,
und ließen sich nicht;
sie bauten ein Nest
und brüteten drin:
da flatterte junges
Geflügel auf,
und beide pflegten der Brut. –
So ruhten im Busch
auch Rehe gepaart,
selbst wilde Füchse undWölfe:
Nahrung brachte
zum Neste das Männchen,
dasWeibchen säugte dieWelpen.
Da lernt’ ich wohl,
was Liebe sei:
der Mutter entwandt’ ich
dieWelpen nie. –
Wo hast du nun,Mime,
dein minnigesWeibchen,
daß ich es Mutter nenne?
Was ist dir,Tor?
Ach, bist du dumm!
Bist doch weder Vogel noch Fuchs?
Das zullende Kind
zogest du auf,
wärmtest mit Kleiden
den kleinenWurm: –
wie kam dir aber
der kindischeWurm?
Du machtest wohl gar
ohne Mutter mich?
Glauben sollst du,
was ich dir sage:
ich bin dir Vater
und Mutter zugleich.
Das lügst du, garstiger Gauch!
Wie die Jungen denAlten gleichen,
das hab’ ich mir glücklich ersehn.
Nun kam ich zum klaren Bach:
da erspäht’ ich die Bäum’
und Tier’ im Spiegel;
Sonn’ und Wolken,
wie sie nur sind,
im Glitzer erschienen sie gleich.
Da sah ich denn auch
mein eigen Bild;
ganz anders als du
dünkt’ ich mir da:
so glich wohl der Kröte
ein glänzender Fisch;
doch kroch nie ein Fisch aus der Kröte!
Gräulichen [Greulichen] Unsinn
kramst du da aus!
Siehst du, nun fällt
auch selbst mir ein,
was zuvor umsonst ich besann:
wenn zumWald ich laufe,
dich zu verlassen,
wie das kommt, kehr’ ich doch heim?
Von dir erst muß ich erfahren,
wer Vater und Mutter mir sei!
Was Vater!Was Mutter!
Müßige Frage!
So muß ich dich fassen,
um was zu wissen:
gutwillig
erfahr’ ich doch nichts!
So mußt’ ich alles
ab dir trotzen:
kaum das Reden
hätt’ ich erraten,
entwandt ich’s
mit Gewalt nicht dem Schuft!
Heraus damit,
räudiger Kerl!
Wer ist mir Vater und Mutter?
Ans Leben gehst du mir schier! –
Nun laß!Was zu wissen dich geizt,
erfahr’ es, ganz wie ich’s weiß. –
O undankbares,
arges Kind!
Jetzt hör’, wofür du mich hassest!
Nicht bin ich Vater
noch Vetter dir, –
und dennoch verdankst du mir dich!
Ganz fremd bist du mir,
dem einzigen Freund;
aus Erbarmen allein
barg ich dich hier:
nun hab’ ich lieblichen Lohn!
Was verhofft’ ich Tor mir auch Dank? –